Konzert-Kritiken

Klavierabend mit Udo Falkner: Eine Überraschung, die fast schon einer Sensation gleichkam

Gesamteindruck: Seit Jahren das fesselndste Erlebnis auf pianistischem Gebiet

Ausgerechnet am Ende der Saison, als man das Kapitel Musik in Neuss schon als abgeschlossen ansah, wartete ein junger, unbekannter Pianist mit einer Überraschung auf, die fast schon einer Sensation gleichkam. Es hat zwar wenig Sinn, den Propheten spielen zu wollen, denn eine Musikerkarriere hängt von zu vielen Faktoren ab, die gleichsam außerhalb der Musik liegen.

Wenn aber Begabung und Können alleine den Ausschlag geben, dann kann man unschwer Udo Falkner eine bedeutende Zukunft voraussagen. Der Klavierabend von Udo Falkner im Zeughaus war für mich seit Jahren das fesselndste Erlebnis auf pianistischem Gebiet.

Eigentlich war schon nach den Einleitungstakten zu Beethovens d-Moll Sonate op. 31 klar, welch hochkarätigen Musiker man vor sich hatte. Udo Falkner gestaltete diese schwierige Introduktion - wie auch die berüchtigten „Rezitative“ des Kopfsatzes – mit der vollkommensten Konzentration und inneren Folgerichtigkeit. Überhaupt zeichnete sich die Interpretation der Beethoven-Sonate aus durch Bündigkeit, geballte Energie und unbestechliche formale Intelligenz.

Nach diesem Beethoven-Vortrag von eherner Prägnanz und Geschlossenheit war eine erste Bilanz möglich. Udo Falkner besitzt ein ungewöhnliches musikalisches Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit, das „Geschaute“ bruchlos in Klang umzusetzen. Er ist kein Klavierlöwe, der sich bedenkenlos auf die Tasten wirft. Bei aller intuitiven Kraft bleibt sein Spiel bestimmt von Disziplin, hellsichtigem Bewußtsein und intellektueller Distanz. Was an Udo Falkners Vortrag am meisten fasziniert, ist seine phrasenlose Direktheit, die auf die kompositorische Substanz zielt und alles „Ornamentale“ als strukturelles Element begreift.

Solche Beobachtungen wurden bestätigt bei der Interpretation von Chopin und Schumann. Udo Falkner deutete Chopins Nocturnes nicht als umrißlose Gebilde flüchtiger, entgleitender Halbschatten, sondern als klare und feingeschnittene Gestalten von genauer Kontur. Endlich mal eine männlich-ernste Chopin-Auffassung, aus der alles salonhaft Weiche ausgeschlossen bleibt.

Auch in Schumanns „Carnaval“ wurden die „Masken“ zu gemeißelten, scharf pointierten Charakteren. Was Udo Falkner bei Schumann an klanglicher Schattierung, rhythmischer Genauigkeit und präziser Akzentuierung aufbot, das stellt ihn in die erste Reihe der heutigen Interpreten romantischer Klaviermusik.

Nach solchen Superlativen der Zustimmung sei ein kritisches Wort zum Programm gestattet. Von einem Pianisten dieses Formats durfte man eigentlich auch eine Stellungnahme zu neuerer Musik erwarten und ein Werk Bartoks, Skrjabins oder Prokofjews etwa hätte sich nicht übel in den Abend eingeordnet. Aber vielleicht hat sich Udo Falkner zunächst in den Kopf gesetzt, der Hörerschaft zu demonstrieren, wie man es fertig bringt, sich die bekanntesten Werke des pianistischen Repertoires auf eine hochpersönliche und doch stimmige Art anzueignen. Die Zugabe ausgerechnet von Rachmaninows Prélude in cis-Moll weist in diese Richtung.

Es gab stürmische Ovationen für die überragende Leistung des Pianisten, und es ist zu wünschen, daß Udo Falkner sich einmal in einem 'Zeughauskonzert' einem breiteren Neusser Publikum vorstellen kann.

Westdeutsche Zeitung

 

Ein Karriere-Sprung

Klavierabend mit Udo Falkner im Düsseldorfer Schumann-Saal

... Will man sein Klavierspiel auf einen kurzen Nenner bringen, dann hieße dieser: wach, intelligent, anregend bis aufregend. Es ist ein Vergnügen, seinem Spiel nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzusehen, wie er mit Arm-, Hand- und Fingerhaltung arbeitet, um einen Ton so und nicht anders in klingende Gestalt zu bringen.

Falkner sticht mit spitzem Finger in einen Ton oder mit einem steifen, hochgestelltem Handgelenk in Akkorde und Oktaven. Er krault die Tasten mit rundem Handrücken, er schüttelt Töne locker aus dem Handgelenk heraus. Er spreizt die Finger zu den Krallen einer Tatze, die blitzschnell zuschlagen kann. Er tupft mit weichabhebenden Fingerkuppen Töne hin. Jede Gestik hat hier ihren Sinn, es gibt keine Mätzchen, keine Schau.

Falkner spielt sehr seriös, ernst und eigenwillig. Er ist nicht auf Effekte aus. Aber er erzielt eine Menge, wenn er auf Kontraste abzielt oder Dramatik aufbaut; wie beim Largo-Allegro-Wechsel im 1. Satz der Beethoven-Sonate oder im Nocturne op. 27 Nr. 1 von Chopin. Bis zum „piu mosso“ hält sich der Pianist in einem winzigen dynamischen Bereich auf, aus dem heraus er dann auf famose Weise drängende Leidenschaft entwickelt. Hervorragend interpretiert waren auch die beiden Etüden op. 10 Nr. 1 und 12, die die männliche, kraftvolle, dramatische Komponente Chopins Musik herausgriffen.

Bei Schumanns Carnaval-Zyklus befand sich Falkner mehr als einmal auf akrobatischen Gratwanderungen. Mit einem enormen geistigen Durchstehvermögen, stets präsenter hoher Musikalität und technischer Brillanz schloß er die einzelnen Stücke zu einem Ganzen zusammen.

Der Erfolg, den Falkner schon mit Beethoven und Chopin gehabt hatte, wurde noch einmal bestätigt und stürmisch gefeiert.

Rheinische Post

 

Zum Schluß hörte man Mephisto lachen

Glanzvolle Serenade auf Burg Linn mit Udo Falkner: Chopin, Liszt, Rachmaninoff

Die in erwartungsvoll-atemloser Spannung lauschenden Zuhörer, ab und zu das Knacken der alten Balken, das stimmungsvolle Prasseln und Rauschen des Regens, der Freitagabend schien geschaffen, Zuhörer, Pianisten, Flügel und die Musik der romantischen Komponisten Frédéric Chopin, Franz Liszt Sergej Rachmaninoff zu einer innerlich verschworenen Gemeinschaft zu vereinen: So etwa mag man erste äußerliche Impressionen der 5. Serenade im Rittersaal der Burg Linn wiedergeben.

Wie sich an diesem Abend die musikalische Brillanz des Pianisten Udo Falkner darstellte, wie er die facettenreiche Musik der großen Virtuosen des Flügels verinnerlicht-lebendig präsent machte, ist nur unzureichend wiederzugeben. Ungeheure Sensibilität, nachhorchend, jede feinste Nuance voll auskostend, voller Weichheit und vergeistigter Emotion – Udo Falkners Interpretation der Nocturnes Chopins machte begreifbar, warum Chopins Musik einst bis zu lustvoller Rührung, bis zu kaum noch zu steigerndem Sentiment treiben konnte.

Das neben dem fast ertastenden Einfühlen in solch zarte Kompositionen auch wildestes Furioso, erbebendes Fortissimo ausgereift und dennoch nicht verabsolutierend dargeboten wurde, bewies Falkner mit Chopins hinreißend gespieltem Scherzo h-Moll, op. 20. Sein Spiel war klar, präzisiert, ruhig und doch pulsierend, brausend; technische Brillanz und künstlerische Einfühlsamkeit überzeugend vereinend.

Begeisterung rief Falkners Darbietung der sieben Préludes aus op. 23 und 32 von Sergej Rachmaninoff hervor. Auch hier trat klar des Pianisten Gabe zum subtilen, feinnervigen Spiel zutage. Behutsam „er-“spielte er sich die filigranen, gefühlvollen Passagen, warf im Allegro dagegen die Musik gleichsam in den Raum, perlende Läufe mit „fliegenden“ Fingern hinschenkend und doch voll höchster Konzentration und Beherrschtheit.

Diese Symbiose von Geben und Nehmen, von Erringen und Hinschenken, die Einheit von Pianist und Flügel versinnbildlichte auch der berauschende Schlußakkord, Franz Liszts anspruchsvoller „Mephisto-Walzer“. Auf dem Flügel schien ein Gegenstück zum Teufelsgeiger stattzufinden, ein klirrender Wirbelsturm fegte über die Tasten, aus dem heraus Falkner in nahtlosem Übergang behutsam dem unheimlichen Weben einer Urkraft Ausdruck verlieh. Man vermeinte, das dämonische Lachen Mephistos zu hören ...

Rheinische Post

 

Rheinisches Musikfest – Tänze auf dem Vulkan

... Falkners Klavierspiel strahlt vom ersten eröffnenden Klang mit ungeheurer Präzision. Den technischen Aspekt, Fingerhandwerk, das bei Schumanns „Kreisleriana“ nie unterschätzt werden darf, erfüllte er mit Abstand am besten. Völlig im Gegensatz zu seiner maskenhaft-steinernen Mimik, hat Falkners Spiel etwas Manisches, treibt er die Expressionsgewalt auf die Spitze.

Udo Falkner scheute sich danach nicht, mit Aribert Reimanns „Spektren“ und dem Klavierstück Nr.2 von Wolfgang Rihm sein Engagement für neueste Klaviermusik zu unterstreichen. Hier, wie auch in der Sonate Nr. 3 von Serge Prokofieff, bestach er durch sein radikales, ungeglättetes Spiel, immer ein Tanz auf dem Vulkan. Wie sehr dahinter solideste technische Substanz steckt, das zeigte er in Liszts „Mephistowalzer“, dessen atemberaubende Virtuosität die Hörer zu spontanen Bravorufen zwang.

Rheinische Post

 

Mit Ernst, ohne Effekthascherei

Udo Falkner gab einen Überblick über die deutsche Klaviermusik 1950–1970

Udo Falkner, Meisterschüler von Max Martin Stein und Ludwig Hoffmann, hat sich als Pianist nicht nur im Rheinland bereits seit längerer Zeit einen Namen gemacht. Der mehrfache Preisträger ist aber offenbar dennoch nicht bereit, den üblichen und leidlich ausgetretenen Pfad anderer Klavierspieler zu gehen.

Vielleicht hat er die Gefahr der Erstarrung, die im gängigen Konzertrepertoire unumgänglich ist, den musealen und lähmenden Aspekt üblicher Klavierabende, erkannt. So trat er nun, zur Überraschung derjenigen, die ihn als Interpreten romantischer Klaviermusik schätzen, mit einem Programm im kleinen Saal der Tonhalle auf, das ausschließlich neue Klaviermusik der 50er und 60er Jahre enthielt.

Falkners Spiel verriet von der ersten Minute an eine ausgesprochen sorgfältige und seriöse Beschäftigung mit den Kompositionen. Alle Spielarten auf der Tastatur, vom flüssigen leggiero seiner immensen Fingertechnik bis zum Cluster per Ellenbogen, setzte er mit großem Ernst und ohne jede Neigung zur Effekthascherei in Klang um. Dabei konnte Falkner offenbar mit der ausgesprochen punktuellen Klangentwicklung der Sonate von Hans Werner Henze (1959) am wenigsten anfangen. Hier hatte man während des gesamten Konzertes ein einziges Mal den Eindruck, daß der innere Nachvollzug des Kompositorischen fehlte.

In Lachenmanns „Echo Andante“ (1962) verstand es der Pianist, mit raffinierter Pedaltechnik die abgestuften Obertonschwingungen aus dem Flügelkorpus deutlich als kompositorischen Anteil hörbar zu machen. Dagegen lebten Reimanns „Spektren“ (1967) vornehmlich aus dem Kontrast fließender, bewegungsreicher Elemente mit harten Martellatoschlägen im Baß, deren quasi statisches Hämmern bei größter Lautstärke den Hörern hartnäckig zusetzten.

Günther Beckers „Drei Phasen“ (1965) gefielen schon allein durch die große Konzentration der Strukturen bei recht kurzer Dauer. Becker arbeitet in dem Werk mit Formen von Erweiterungen und Verkleinerungen von Elementen sowie dem Kontrast verschiedener Bewegungsabläufe.

Zusammen mit dem Frühwerk von Baur, „Variationen“ und „Capriccio“ (1953), deren Tonsprache noch recht verbindlich ist, sowie den Stücken von Stockhausen und Rihm, bot das Programm einen ausgezeichneten Überblick über die Entwicklung der deutschen Klaviermusik 1950 - 1970. Dafür dankten die Zuhörer mit großem Applaus.

Rheinische Post

 

Werkstücke einer alten Ära

Udo Falkners Konzert in der „Kleinen Tonhalle“

Man wähnte sich „nach Alt-Darmstadt“ zurückversetzt, in die 50er, 60er Jahre, als dort auf Ferienkursen „echt seriell“ (Fachausdruck) musiziert wurde ! Diese Illusion provozierte Udo Falkner in der „Kleinen Tonhalle“ einen Abend lang. Der Pianist Falkner spielte eine Auswahl durchgearbeiterter Werkstücke jener Ära und solche, die sich irgendwie daran anlehnten.

Mochte man nun beim Senior Jürg Baur (von 1953) noch ein Hindemith-Herkommen mitverspüren, oder beim „Nachkömmling“ Wolfgang Rihm (seinerzeit erst 19jährig) bereits seinen Trend Schock und Spökekieken wittern: Falkner stellte jedweden Komponisten so als Charakter hin, daß das Publikum ohne Umwege reagierte und dementsprechend Beifall zollte.

Mehr noch: Jene unglaublich strengen Satzregeln – die selbst Tempi und Tonstärken in „Reihen“ brachten, die manchmal Satzteillängen gliederten, manchmal sekundenbruchteilweise Überweiten sprangen – schien für den Künstler überhaupt kein Problem zu sein.

Mit untrüglich abgesetzten Anschlägen demonstrierte er, wie Aribert Reimann 1967 sein Ästhetikertum, Henze und Lachenmann um 1959 ihre Polik-Agitatoren-Arroganz noch gar nicht so in petto hatten. Das gereichten den Dreien nur zum Vorteil.

Günther Beckers „Phasen“ (1965) ließen zwischen dem Zupacken und dem Zartsingen Phantasie hervordringen. Aus Stockhausens frühem „Klavierstück XI“ wurde in heikelsten Kreuzundquergriffen schon der berühmt gewordene Anhauch Mystagogik spürbar. Kurz: das frischerarbeitete Meisterprogramm Udo Falkners empfiehlt sich fürs Plattenstudio ebenso wie für einschlägige öffentliche Foren.

Westdeutsche Zeitung

 

Rekordversuche, Hellas im Rücken

Konzerte für den Komponisten Günter Becker

... Im Rahmen der „forum 20“- Reihe spielte Udo Falkner einen rekordverdächtigen Klaviermarathon im Ibach-Saal, der durch Umfang und Leistung beeindruckte, aber in seiner Fülle fast erdrückend schien. Nicht weniger als 14 Werke hatte sich Falkner vorgenommen. Der Titel „Hellas am Rhein“ nahm Beckers griechische Zeit besonders aufs Korn: Es erklangen neben eigenen Werken Kompositionen seiner Schüler hüben wie drüben, darunter auch einige Uraufführungen.

Darüberhinaus kamen noch bekannte und mit Becker befreundete griechische Komponisten zu Gehör. Dies alles wurde zu einer bald dreistündigen Konzentrationsleistung auf beiden Seiten, wobei sich einige der kürzeren Werke gegenseitig aufzuheben schienen, zu verwandt, zu wenig kontrastreich waren sie angeordnet. Neben Beckers prägnanten eigenen Werken („Vier Bagatellen“ von 1954, „Mikrographien“ von 1973) ließ unter anderem Raimund Juelichs zugespitztes „Werkstück 3“ (1978) aufhorchen; Diethelm Zuckmantels spitzbübisches „Merci“ war ein doppelbödiges Dankeschön der besonderen Art, Beckers feiner Ironie verpflichtet.

Bei den griechischen Komponisten fiel die Vorliebe für harte Repetitionsmomente und archaische Motive auf, nicht immer mit gleichbleibender Konsequenz durchgeführt. Zwingend allerdings das extrem ausgedünnte, klagende „Pamphonos“ von Joseph Papadatos, überraschend eingängig und in diesem Zusammenhang beglückend leicht Minas Alexiadis' minimalistische „Folk-Cadenza“.

Udo Falkner zeigte sich von den Strapazen der 14 Klavierbrocken scheinbar unbeirrt und wirkte physisch und mental völlig souverän. Keine Sekunde ließ seine Aufmerksamkeit nach. Langer Beifall, der Jubilar und Pianisten gleichermaßen bedachte.

Rheinische Post

 

Der Vertrauensmann

Udo Falkners Henze-Matinée im Ibach-Saal

... Wem ist neue Musik Bürde und Qual, wenn sie meisterlich gespielt und klug disponiert wird ? Bei Udo Falkners Henze-Matinée im Ibach-Saal (zum Abschluß der „forum 20“- Reihe) war beides der Fall. Wir hörten einen schönen Exkurs über eine Komponisten-Entwicklung am Spezialbeispiel seiner Klaviermusik.

Falkner begann mit den frühen, 1949 entstandenen, sich demütig vor aller Zwölfton-Strenge verneigenden Variationen op.13., ließ die hübschen, fast melodieseligen Lucy-Escott-Variations (1963) folgen und hob dann zu der abstrakt-kühnen Sonate (1959) an. Im zweiten Teil die Genre- und Charakter-stücke der 80er Jahre: die drei köstlichen „Cherubino“-Miniaturen (1980/81), eine Passage aus der Musik zu Schlöndorffs Proust-Verfilmung „Eine Liebe von Swann“ (1984), das für Leon Fleisher geschriebene „la mano sinistra“ für die linke Hand (1988) und die sechs vielgesichtigen „Pollicino“-Stücke (1980).

Falkner spielte mit solch überlegenem Gespür für Struktur und Klang, daß man ihn fast einen Vertrauensmann von Henzes Klaviermusik nennen möchte. Er übertrieb die anspielungsreichen Momente in den Lucy-Escott-Variations nicht ins Plakative; zugleich sorgte er dafür, daß die Sonate mit ihren seriellen Mustern nicht allzu konstruiert wirkte. Er ließ in „la mano sinistra“ spüren, daß das Komponieren für die linke Hand nicht erst seit Skrjabin eine Tradition hat; und er hielt aus den „Cherubino“-Miniaturen alle falsche Zitat-Seligkeit klug heraus. Daß Falkner die mitunter leicht klingenden, aber weiß Gott nicht immer freundlich in der Hand liegenden Werke mit großer Präzision umsetzte, war die beste Basis für seine Interpretationen.

Rheinische Post

 

„Schneller als die Schönheit“

Sommerliche Musiktage Hitzacker eröffnet

„Schneller laufen als die Schönheit“, darin zeichnet sich nach Jean Cocteau das wahrhaftige Schaffen eines großen Künstlers aus. Diese Position, von Professor Wolfgang Burde im Eröffnungsvortrag der Sommerlichen Musiktage Hitzacker für das Werk Aribert Reimanns reklamiert, meint den Abstand der Komposition von allen Moden ebenso wie jenen gewaltigen Euphorismus, der im Schaffen den Vorreiter jedes später als allgemeingültig angesehen Empfindens erkennt. Mit Worten deutlicher Sympathie, aber auch mit so eindringlich genauer Beschreibung eines kreativen Prozesses, wie man sie selten vernimmt, deutete Burde die Arbeit Reimanns, die in der folgenden Festwoche den prominentesten Platz einnehmen wird.

Reimanns „Spektren“ für Klavier, von Udo Falkner interpretiert, zeigten dann deutlich jene Wendung, in der zuerst eher mechanisch Empfundenes eine Wandlung ins lyrische Geschehen erhält. Zwei Welten scheinen plötzlich zusammengefügt; der Pianist Falkner vermag den melodischen Bogen, die Gesanglichkeit bei aller Verdichtung ganz genau herauszuspielen.

Elbe-Jeetzel-Zeitung

 

Test-Reihe im Klavier-Labor

Pianist Udo Falkner spielte im Helmut-Hentrich-Saal der Tonhalle

Labor-Atmosphäre im Helmut-Hentrich-Saal. Geschlossene Vorhänge sperrten Licht und Luft des lauen Frühlingsabend aus, das Saallicht erlosch bis auf drei kleine Lichtquellen. Solch strenge Konzentration verlangte die „Testreihe“; die zerbrechlichen Versuchsobjekte waren schließlich Klang, Dynamik, Rhythmus, Expression, Stille und das experimentelle Ausleuchten der Beziehungen dieser Elemente zueinander.

Udo Falkners ambitionierter Klavierabend war weit mehr als eine bunte Abfolge neuer Klaviermusik; die gespielten Stücke schienen trotz gänzlich verschiedener Ansätze auf geheimnisvolle Weise wahlverwandt und zueinander in Beziehungen zu stehen.

Das experimentelle Umgehen mit Spieltechniken ist allen Stücken gemeinsam, ebenso eine Abneigung gegen kraftvolles Auftrumpfen, sieht man einmal von Wolfgang Rihms berserkerhaftem Klavierstück Nr.5 „Tombeau“ von 1975 ab. Es begann mit Helmut Lachenmanns „Echo Andante“ von 1962, einem feinsinnig-eleganten Versuch, dem widerspenstigen Klavierton mittels Flageolett-Technik fließende Dynamik abzuringen.

Ganz puristisch danach Karlheinz Stockhausens Klavierstück IX von 1962, das, von der schlichtmonotonen Wiederholung eines Akkords ausgehend, abnehmende Dynamik, allmähliche Erweiterung der Skala und kompliziertere Metrik entdeckt und sich schließlich fast unmerklich auflöst.

Die drei Etüden von György Ligeti stehen in einer Chopin-Tradition und kreisen raffiniert um komplizierteste Polyrhythmik, die jedoch keineswegs schlagwerkartig vorgeführt wird, sondern in verwirrend - fließenden, eigenständigen Schichten abläuft.

Nach soviel musikalischer Selbstreferenz wirkte Rihms Klavierstück Nr.5 auffallend anders im Sinne eines Künstlerpathos, das Rihm auch verbal artikuliert. Das stille Experiment ist seine Sache nicht; er ist der Ringende, Ausgelieferte: Monolithische Akkordblöcke rahmen das Stück ein, spannungsgeladene Pausen zerquälen noch weiter den depressiv-agressiven Grundgestus des kraftvollen Stücks.

Luigi Nonos „...sofferte onde serene...“ für Klavier und Tonband von 1976 dann wieder in ganz anderen Gefilden: Wiederum ein Stück, das durch delikateste Differenzierungen der Pedaltechnik und des Anschlags versucht, die Schwingungen des Klavierklangs unendlich aufzufächern. Das Tonband wirkt dabei echoartig-modifizierend, nicht kontrastierend zum Live-Klang.

Schließlich drei der acht „Monotonien“ von Dieter Schnebel für Klavier und Live-Elektronik von 1987/89. Die „räumlich-zeitliche Entfaltung des Klangs“ ist das Anliegen des Stücks, die Drohung des Titels bewahrheitet sich glücklicherweise nicht. „Die Versuchsanordnung“ sieht eine recht aufwendige Positionierung von vier Lautsprechern im Saal (Klangregie: Bernd Bechthold) und dem Klavier in der Mitte vor. Dennoch drängt sich auch hier das Elektronische nicht in den Vordergrund, sondern erfüllt verstärkende und filternde Funktionen.

Besonders eindrucksvoll das letzte Stück, „Konzentration“, das sich mehr und mehr in völlige Stille auflöste. Es spricht sowohl für die Leistung Falkners als auch für das zahlreich erschienene Publikum, das weder durch Huster noch Knisterer noch sonstig die Entfaltung störten.

Falkner bot eine beeindruckende Leistung, spielte perfekt, ohne dem Genie-Ton Rihms die Expression schuldig zu bleiben. Viel herzlicher Applaus für den intimen Einblick ins Labor der neueren Klaviermusik.

Rheinische Post

 

Aus der Zeit geflossen

Zweiter Tag beim Heilbronner Klavierfestival „...antasten...“

... Technisch glänzend gelang Falkner die „Barcarole“ von Thomas Blomenkamp, eine quirlige Überlagerung phasenverschobener Rhythmik.

Heilbronner Stimme

 

Avantgarde zelebriert im Cuba, Münster, Neue Musik für Klavier

... Urplötzlich bringt der Pianist einen Hammer in Anschlag und blickt wie ein Handwerksmeister über die Saiten. Ist der schwarz glänzende Yamaha-Flügel beschädigt? Wird er's gleich sein?

„Sie machen uns ja unseren schönen Bösendorffer kaputt!“, rief tatsächlich mal ein ängstlicher Veranstalter, als das „Werkstück Nr.3“ von 1978 zur Aufführung kam. Nur keine Angst - Raimund Juelich weiß, was er tut. Der Komponist erweist sich als Klang-Alchimist, der den Bauch des Flügels nach Tönen durchsucht: er lässt Pianist Udo Falkner mit einem Stein über die Saiten streichen, die der dann auch akkordisch wie bei einer Gitarre greift; lässt einen Bleistift draufplumpsen, dass es zirpt. Und der Hammer? Der klopft bizarre Halleffekte aus dem Metallrahmen. Da wird der Begriff „Hammerklavier“ ganz spielerisch neu belebt.

Ob Günther Becker, Christian Banasik oder Manfred Trojahn: alle Komponisten lieferten beinharte Kontraste, die sich aus ihren Klavierstücken förmlich herausschälten. Bass-Grummeln neben gellendem Diskant; Akkordschläge, die im Pedal nachzittern. Kein runder Dreiklang, nirgends. Oskar Gottlieb Blarr zeigte sich erneut als kritisch engagiert mit „Karlrobert Kreiten“ – einem „Spukwalzer“ (Blarr) der an den genialen Pianisten erinnert, der von den Nazis hingerichtet wurde ...

Westfälische Nachrichten

 

Pausen und malerische Hiebe auf dem „großen Sarg“

Udo Falkner spielte drei Stunden lang sämtliche Klavierwerke von Wolfgang Rihm in der Tonhalle

Die Titanenschlacht gilt als Spezialität der alten Griechen; Unterabteilung Mythos und Geschichte. Seit freilich dem heroischen Ringen im wirklichen Leben bei uns der Stoff ausgegangen ist, findet der Kampf der Großen mit den Großen nunmehr in der Kunst statt. Zur jüngsten Neuauflage kam es jetzt auf dem Tonhallenpodium, wo dem Düsseldorfer Ausnahmepianisten Udo Falkner drei Stunden Spielzeit, zwei Publikumspausen nicht gerechnet, reserviert waren, um das gesamte Klavierwerk Wolfgang Rihms einschließlich dessen unveröffentlichter Jugendwerke auszubreiten.

Dank Falkners stupender Pianistik, die er auch in den hochvirtuosen Passagen nie zur Schau stellte, lag Rihms Klavierschaffen am Ende offen wie ein Buch: Das klassisch-postseriell inspirierte Frühwerk des 15- und 17jährigen (Fünf Klavierstücke, Sechs Préludes) neben dem rhapsodischimprovisiert Wirkenden des „jungen Wilden“, der die Toccaten nur so heraushämmert (grandios Falkners Interpretation des „zwangsneurotischen“ 5. Klavierstücks „Tombeau“) und schließlich die verhaltene Ruhe, wie sie Rihm seit den 90er Jahren etwa in seinen intimen „Zwiesprachen“ für verstorbene Freunde an den Tag legt.

Vor allem mit seinem kammermusikalichen Schaffen ist Wolfgang Rihm in den letzten Jahren von Triumpf zu Triumpf geeilt, hat seinerseits ein kleines Wunder vollbracht, indem er Interpreten, Publikum und Kritik gleichermaßen als Hörer für seinen faszinierenden Klangraum gewinnen konnte. Dabei ist er für den „großen Sarg“ (Rihm über das Klavier) doch auf den ersten Blick Traditionalist. Nicht die großen Neuerer der Pianistik des 20. Jahrhunderts, nicht Cowell, Cage, Lachenmann begegnen uns bei ihm. Rihm präpariert keine Saiten, spielt nicht im Klavier und verlangt auch dem Interpreten keine theatralischen Effekte ab. Vielmehr ist es der Klang, für den sich Rihm in allen Werkphasen interessiert.

Die Art, wie Falkner diese Ästhetik hör- und erlebbar machte, äußerlich scheinbar unberührt von seiner Marathonaufgabe, bezeichnet die Kunst dieses Interpreten: Ein Ereignis auslösen, ihm nachhören. Die Pause, das Warten und Abwarten erst, lässt die Musik eintreten, was Falkner dem Publikum durch konzentrierte Körpersprache mitzuteilen wusste. Das andererseits im Griff, im Hieb, wie Rihm beiläufig anmerkt, „malerische Energie“ liegt; dass das Handzucken auf den Tasten zwar ein akustische Gewitter auslösen kann, ohne sich indes als pure Gewaltsamkeit im Ohr festzusetzen, darin lag die Botschaft dieses Abends. Ovationen.

Udo Falkner, dessen Düsseldorfer Einsätze für das Werk Günther Beckers und seiner Kompositionsklasse ebenso wie für das Klavierschaffen Olivier Messiaens noch in bester Erinnerung sind, hatte sich für diesen Abend ein Jahr lang vorbereitet. Freilich wäre er ohne das Entgegenkommen einer der zeitgenössischen Moderne aufgeschlossenen Tonhallendramaturgie sicherlich graue Theorie geblieben, weshalb im Bild des Künstler-Heroen eben auch ein Missverständnis liegt. Wirklich große Aufgaben erfordern Bündnispartnerschaft; ein leidensfähiges wie leidenschaftliches Publikum, das bereit ist, sich fordern zu lassen, eingeschlossen.

Rheinische Post

 

Es wuchert weiter im Wurzelwald

Klänge wie Schattenkörper und Pilzgeflechte beim Festival „Musik der Zeit“ in Köln

... Geht es ums komponierte „Wuchern“, darf Wolfgang Rihm nicht fehlen. Seine Orchesterkomposition „Vers une Symphonie fleuve“ (1992/1995) signalisiert dies schon im Titel, im Klavierkonzert „Sphere – Kontrafaktur mit Klavier-Gegenkörper“ (1992/1994) komponierte Rihm musikalisches Material aus seinem Stück „Ins Offene...“ noch einmal „neu“. Es ist eine Musik voll kräftiger dynamischer und rhythmischer Kontraste, jeder Ton wird von innen mit Energie aufgeladen. Der Pianist Udo Falkner realisierte dies bravourös, und auch das WDR-Sinfonieorchester, wiederum unter Rundel, präsentierte sich hierbei vorteilhafter ...

Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Einhundertvierzig Glücks-Minuten: Udo Falkner spielt Stockhausens „Natürliche Dauern“

Wie lang dauern natürliche Dauern? Erste Antwort: Einhundertvierzig Minuten. Zumindest brauchte Udo Falkner so lang, um Stockhausens „Natürliche Dauern“ auszubreiten. Ein Klavierzyklus in 24 Stationen, 3. Stunde, Ora Terza des unvollendet geblieben Zyklus „Klang“.

Ein von salomonischer Weisheit erfülltes Spätwerk, das unter Falkners Händen zur Enthüllung eines Monuments geriet. Immer wieder wurde der Pianist am Ende herausgerufen, hatte eine dankbare Zuhörerschaft doch erfahren, was Kunst intendiert: Rücknahme aller Entfremdung. Dabei waren die Bedingungen für solche Kunstentfaltung alles andere als optimal. Ein Konzertsaal im Schuhkarton-XXL-Format hatte nicht erst Falkner mit einem gehörigen Darstellungsproblem konfrontiert.

Als Midori einmal an gleicher Stelle das Adagio aus Brahms' d-Moll Sonate intonierte, war sie der Versuchung erlegen, zu drücken, um auch ganz hinten verstanden zu werden. Vergleichbar die Lage im Fall der „Natürliche Dauern“, einer ganz aus Klang und Zeit gewirkten Musik mit extrem geweiteten Flächen, repetierenden, am Ende stets ausschwingenden Tönen, deren Dauer Stockhausen an „ruhigen Atemdauern“ orientiert wissen wollte. Die Humanität eines Komponierens, in dem Klang und Zeit Chiffren für das Leben, für den Menschen selber sind, gebunden an den Atem.

Die akustische Kalamität eines nicht für, sondern auch für Konzerte errichteten, so genannten „multifunktionalen“ Veranstaltungssaals im Unterbau des Düsseldorfer Kunstpalastes bewog Falkner dazu, das Aus- und Einschwingen mit deutlichem Überlappen zu zeichnen, um den hinteren Rängen keine Löcher in den „Natürlichen Dauern“ aufreißen zu lassen. Das Midori-Problem. Trotz der majestätischen Ruhe, mit der Falkner das Hörereignis dieser Geist-Musik Gestalt werden ließ, wurde doch deutlich, welche interpretatorische Reserven in diesem „nahezu“ noch liegen. Pianist Udo Falkner, der seine Fähigkeiten zu nuanciertestem Spiel wie seinen Hang zu radikal-künstlerischem Purismus in der Vergangenheit in großen monothematischen Klavierabenden (Wolfgang Rihm, Olivier Messiaen, Günther Becker und Schüler) offengelegt hat – mit seinem grandiosen Stockhausen-Recital hat Falkner einen weiteren Schritt getan.

Einen, in dem Vertiefen und Sich-Verständlichmachen kein unaufhebbarer Gegensatz ist.

Neue Musikzeitung

 

Zeichen und Wunder

Zwei Düsseldorfer Konzerte widmen sich Schönberg und der Schönberg-Pflege – im weitesten Sinne

Wir wissen: wenn zwei dasselbe machen, ist es noch lang nicht dasselbe. Und in diesem Fall war es sogar Lichtjahre auseinander, obwohl hier wie dort tatsächlich anspruchsvoller Schönberg auf dem Programm stand.

So kam es denn zu besagtem konzertanten „Zeichen“, zusammengesetzt aus (im weitesten Sinne) Klassik-Bausteinen und Hosen-Sound: Kalmans Gräfin Mariza, Filmmusik von Korngold, Weill-Evergreens und (unumstritten der mutigste Programmpunkt dieses Popourris) Schönbergs dodekaphoner, auf zwei sechstönigen Reihenhälften beruhender „Survivor from Warsaw“ op. 46 mit Campino als narrator. Die Fans hielten den Atem an, derweil der Hosen- Frontmann reihenweise Endkonsonanten verschluckte und auch in diesem Fall der Permant- Verstärkung bedurfte. Etwas neblig das Ganze. Als „Zeichen“ aber o.k.

Mehr als ein Zeichen ereignete sich tags zuvor im Kleinen Saal derselben Tonhalle. Die Beteiligten hier: der Kölner Komponist Georg Kröll und der Düsseldorfer Pianist Udo Falkner. Letzterer spielte neben selten zu hörenden Klavierstück-Fragmenten von Arnold Schönberg eine sich an Schönbergs Serialismus anlehnende Musik von eigenartiger Machart und Charakteristik. Entwickelt aus dem permutierten Material von Schönbergs Klavier-Suite op. 25 schreibt der Bernd Alois Zimmermann-Schüler Georg Kröll seit vielen Jahren kurze, im Minutenbereich liegende Miniaturen, ein „Tagebuch für Klavier“.

Dass diese klingenden Kurzgedichte im Konzert tatsächlich auch Assoziationen zu wecken imstande waren, dass sie (nach einer von Kröll geprägten Metapher) die Bilder in den Wolken seiner „Tagebuch“-Einträge lesbar machen – dafür sorgte allein die geistreiche Pianistik, mit der Udo Falkner seinem bis in die oberen Lagen klingend intonierendem Steinway alles entlockte, was der Gestaltwerdung diente. Eine immense Aufgabe, sind Krölls „Tagebuch“-Eintragungen doch reich an Anspielungen und Verweisen ebenso wie voller pianistischer Herausforderungen, verlangen hier ein extremly slow, dann ein Presto, berühren Außermusikalisches, sind im Gespräch mit Nachbarkünsten und bewegen sich im mozartgleich Zarten ebenso selbstverständlich wie im Repetierenden eines Strawinsky. Alles drin. Aber eben (so viel zur Differenz wie zum Triumph des Kleinen Saals) alles hörbar geworden.

Ein Kunstereignis.

Neue Musikzeitung

 

Tagebuchnotizen

Konzert erinnert an den Komponisten B.A. Zimmermann, dessen Lehrer und Schüler

Die alljährliche, mittlerweile schon traditionelle Frühjahrsveranstaltung der Bernd-Alois-Zimmermann- Gesellschaft (BAZG) im Anneliese-Geske-Musik-und Kulturhaus in Erftstadt rückte diesmal gleich drei Komponisten ins Rampenlicht: neben Bernd Alois Zimmermann auch seinen Lehrer Philipp Jarnach und seinen Schüler Georg Kröll ...

Im Mittelpunkt des Abends stand der Düsseldorfer Pianist Udo Falkner. Bravourös absolvierte der Musiker ein immenses Pensum, das mit dem „Amrumer Tagebuch für Klavier“ von Jarnach aus dem Jahre 1942 begann und bis hin zu Zimmermanns „Enchiridion“ reichte.

Dazwischen wurden aus dem „Tagebuch für Klavier“, das Georg Kröll seit 1987 führt und das als „work in progress“ immer weiter fortgesetzt wird, acht Stücke vorgestellt. Zu den überaus spannungsreichen, fesselnden Miniaturen – fünf waren Uraufführungen – zählt auch eine Hommage an Zimmermann.

Wie sehr die subtil gestalteten Stimmungsbilder und musikalischen Gedankensplitter das Publikum faszinierten, konnten Udo Falkner und der anwesende Komponist dem stürmischen Schlussbeifall entnehmen, der natürlich die übrigen fünf Akteure dieser beeindruckenden Veranstaltung einschloss.

Kölner Stadtanzeiger

 

Im Reich der Klänge

Konzerte der Kölner Musiknacht

300 Musiker, 60 Konzerte, 18 Orte. Das war, in nüchternen Zahlen, die zwölfte Kölner Musiknacht. Seit 2005 stellt die freie Musikszene mit diesem ausladenden Konzertmarathon ihre Energie und Leistungsfähigkeit unter Beweis.

... “Zwei Linien“ legte der Komponist Wolfgang Rihm dem Avantgarde-Spezialisten Udo Falkner in die Hände, der im kleinen WDR-Sendesaal schillernde Konzepte neuer Klaviermusik vorstellte. Im Zentrum stand eine Folge kristalliner, mit souveräner Ökonomie gesetzter Tagebuch-Miniaturen des Kölner Komponisten Georg Kröll. Helmut Lachenmanns „Guero“, eine nur durch leichte Streichbewegungen an der Oberfläche der Tasten und Saiten geformte Klangstudie, bezog gerade aus der ernsthaft-uneitlen Zuwendung des Pianisten eine hinreißend flüchtige, schattenhafte Poesie.

Kölner Stadtanzeiger

CD-Kritiken

Wolfgang Rihm    Klavierwerke (1966-2000)    3-CD-Box

Zweiterkundungen pianistischer Lava

Unter allen Komponisten-Vulkanen der Gegenwart zählt Wolfgang Rihm bekanntermaßen zu den aktivsten. Allein die pianistische Lava, die so ein Berg von sich wirft, hat in beinahe vier Jahrzehnten mittlerweile selbst landschaftsbildend gewirkt. Da liegen sie nun – die tonnenschweren Findlinge wie etwa das wild zerklüftete Klavierstück Nr.5 (Tombeau) aus der Sturm- und Drangzeit des Komponisten und, nur ein paar Schritte weiter (da muß sich der Steinfeldwanderer und Geröllhaldenexperte schon bücken, um sie richtig in den Blick zu nehmen) die verhaltenen, so ganz in sich gekehrten „Zwiesprachen“, eigentümliche Miniaturen, mit denen sich Rihm auf seine Weise von seinen verstorbenen Freunden und Weggefährten verabschiedet hat.

Musikalische Nachrufe, entstanden kurz vor der Epochenschwelle, die ihrerseits viel von jenem romantischen Tonfall an sich haben, mit dem der ganz junge Rihm Mitte der 60er-Jahre angefangen hat. Siegfried Mauser und Bernhard Wambach, Erstvermesser, Ersterkunder des Rihm'schen Landschaftsgartens, sind in ihren Einspielungen an diesen „Kinder- und Bubenstücken“ (Rihm) noch vorbeigegangen. Nicht so Udo Falkner.

Überhaupt – in dem Düsseldorfer Pianisten, Schüler von Max Martin Stein und Ludwig Hoffmann, ist jenen beiden, ist Wambach und Mauser ein interpretatorischer Mitstreiter, ein dritter Mann erwachsen, dessen Lesart und Blick aufs Rihmsche Klavierwerk eine in mancher Hinsicht neue, ungeahnte Qualität künstlerischer Sensibilität und Qualität an den Tag legt. Mit telos music records hat Udo Falkner zudem einen Partner gefunden, der seine ästhetischen Ansprüche in luzide Aufnahmen umzusetzen versteht. Wenn Rihm die „Klarheit der Zeichnung“ hervorhebt, mit der sich Falkner seiner Klaviermusik angenommen habe, so darf dieses Lob wohl auch auf dieses glückliche Zusammenwirken von Interpretationskunst und Aufnahmetechnik bezogen werden.

Dabei sind die Hürden einer solchen enzyklopädischen Anstrengung beträchtlich. Die Rihms Klavierwerken eigene extreme Dynamik stellt notgedrungen jeden Interpreten vor Herausforderungen. Erst recht denjenigen, der, wie Falkner, aufs Ganze geht, der das gesamte veröffentlichte einschließlich einer Reihe unveröffentlichter Rihmscher Klavierwerke auszubreiten sich vorgenommen hat. Macht zusammen drei Stunden, drei CDs.

Gleichwohl wahren die Klänge, die Falkner seinem Steinway D Flügel entlockt, in allen Laustärkegraden eine bestechende Binnen-Differenziertheit, ohne die intime Nähe und Direktheit, ohne den Tugendweg exakt eingehaltener Metronomangaben preiszugeben.

Die Gelassenheit, die meditative Ruhe, mit der Falkner Rihms Klavierwerk 2004 in einem einzigen Konzertabend in der Düsseldorfer Tonhalle ausgebreitet hat, ist nun auch seiner Einspielung zuteil geworden ...

Fazit: Eine hervorragende Einspielung von nicht selten berührender, durchweg berückender Qualität. Ein Hörerlebnis.

Neue Musikzeitung

 

Pianistische Subtilitäten

Obwohl das Werk des vielseitigen Komponisten Wolfgang Rihm eigentlich nie dem Ghetto der der speziell auf neue Musik ausgerichteten Festivals verhaftet blieb, sondern stets auch seine Zuhörer im normalen Konzertbetrieb fand, zeigte sich die Tonindustrie merkwürdig gehemmt im Produzieren von Tonträgern. So ist jetzt endlich eine eindrucksvolle und längst überfällige Aufnahme der Klavierwerke von Wolfgang Rihm mit dem Pianisten Udo Falkner beim Label 'Telos-Music' erschienen.

Die drei CDs enthalten die Klavierkompositionen, angefangen mit den drei Klavierstücken aus den Jahren 1966/67 bis hin zu der Hommage an Pierre Boulez („Auf einem anderen Blatt“) aus dem Jahr 2000 und eröffnen einen aufschlussreichen Einblick in das kompositorische Schaffen dieses hochartifiziellen und intellektuellen Komponisten. Manches war bisher überhaupt nicht auf Tonträger erhältlich oder zumindest schwer zugänglich. Beim Hören wird rasch der Verdacht entkräftet, Rihms Erfolg basiere auf seiner Bereitschaft zum Kompromiss. Nur völlig bornierte Verfechter eines Fortschrittsgedanken können überhören, dass es bei Rihm um eine produktive Auseinandersetzung mit der Tradition geht. Deutlich zu hören beim 'Brahmsliebewalzer' aus dem Jahre 1985. Ein Paradebeispiel für Rihms Fähigkeiten gewissermaßen schattenhafte Anklänge an Vergangenes zu schaffen. Das hat nichts mit jenem Typus des Zitierens zu tun, der schnell zum Ratespiel missrät, viel aber mit einem intelligenten Erinnern an vergangene Ausdrucksgesten und die Möglichkeit diese in heutige Klangrede mit einzubeziehen, ohne eben banal zu werden.

Rihm hat Musik einmal als eine Art 'Energieweitergabe' bezeichnet. Man könnte unter diesem Aspekt seine kompositorische Vorgehensweise der Auseinandersetzung mit tradiertem Material mit der eines Trüffelschweins vergleichen, ständig auf der Suche nach verborgenen Aspekten in den Kompositionen, nach unentdeckten Energiereserven, die eine kompositorische Verarbeitung quasi herausfordern.

Das ist immer ungemein spannend, vor allem wenn der Notentext intelligent und kompetent realisiert wird. Udo Falkner hat einen Sinn für den langen Atem und untrügliches Gespür fürs feine Detail, verfügt aber auch über die notwendige Fingerfertigkeit, die stellenweise doch recht komplizierten Verläufe zu beherrschen.

Wunderschön die sechs Préludes (1967), wobei man sich beim ersten unwillkürlich fragt, ob nicht Keith Jarrett vor der Einspielung seines berühmten Köln-Konzerts, dieses Werk gespielt oder gehört hat. Wolfgang Rihm lässt hier seine Musik kadenzielle Klangfolgen umkreisen wie einen zwar sehr anziehenden, aber doch reichlich fremd geworden Planeten. Udo Falkner führt diesen Werkkomplex, der in der Tat schnell ins Banale abrutschen kann, wenn man sich ihm interpretatorisch unintelligent nähert, mit der notwendigen Emphase und agiler Artistik sehr souverän vor. Das gilt auch für die fünf Stücke aus dem Jahre 1999, die Rihm 'Zwiesprache' nennt. Es handelt sich um äußerst subtile Refexionen über die Personen, denen das jeweilige Stück gewidmet ist. So zum Beispiel Alfred Schlee oder Paul Sacher, um nur zwei zu nennen. Dieses Reflektieren greift Rihm auch in seiner Hommage an den von ihm hoch verehrten Pierre Boulez auf. Ähnlich wie dieser sind weite Teile des Schaffens von Rihm einer ständigen Metamorphose unterworfen und genau diese ist auch der ideelle Kern dieses aufschlussreichen Stückes ...

Auf dieser klangtechnisch sorgfältig betreuten CD, die die extremen Unterschiede der Dynamik sehr gut eingefangen hat, lässt der Pianist Udo Falkner Wolfgang Rihms Musik so lebendig wie möglich erscheinen und zeigt, wie vielfältig und visionär Rihms Musik war und immer noch ist. Udo Falkner hat mit dieser Einspielung die Messlatte für weitere Einspielungen sehr hoch gelegt. Derzeit besitzt diese CD Referenzcharakter und ist für den Liebhaber neuer Musik ein unbedingtes Muss.

KlassikCom

 

Zwischen den Extremen

... Dass Rihms vielbeschworener Subjektivismus und impulsiv wuchernde Momenthaftigkeit in seinem Klavierwerk besonders ungeschminkt in Erscheinung treten, verdeutlicht sehr eindrücklich diese umfangreiche Einspielung von Udo Falkner.

Die geradezu körperlich wirksame Spannung zwischen Klang-Attacke und zerbrechlicher Stille zieht sich wie ein roter Faden durch diese Einspielungen, und sie ist Falkner eine „mentale, emotionale und physische Herausforderung“, der er sich mit hörbarer Leidenschaft stellt.

Schon Rihms Anfänge, als Stücke eines 14- bis 17-Jährigen naturgemäß noch etwas orientierungslos im Dunstkreis von Romantik und Schönberg-Schule unterwegs, nimmt Falkner gehörig ernst und streicht deren sprunghaftes Wesen als zukunftsweisend heraus.

Die zwischen 1970 und 1980 entstandenen „Klavierstücke 1-7“ offenbaren schließlich Rihms rhapsodische Gedankenflut im Kontext eines rational unverstellten, spontanen Komponierens in ganzer Konsequenz. Besonders spannend auch in falkners Darstellung: Rihms bisher umfangreichstes Klavierstück „Nachstudie“ (1992/94), dessen zögernde Einzelklänge und lange Resonanzen auf „Sphere – Kontrafaktur mit Klavier-Gegenkörper“ zurückgehen.

Fono Forum

 

Wolfgang Rihm: Klavierwerke 1966–2000

Wolfgang Rihm zählt zweifelsfrei zu den meistgespielten zeitgenössischen Komponisten. Obwohl sein Schaffen für Orchester wohl präsenter ist, wandte er sich auch immer wieder dem Klavier zu.

Bei Telos erschien jetzt eine große Werkschau, die Rihms zwischen 1966 und 2000 komponierten Klavierstücken gewidmet ist. Der fabelhafte deutsche Pianist Udo Falkner erfüllt sie alle mit ungeheurer Intensität. Ein auch aufnahmetechnisch erstklassiges Kompendium mit klarem, präsentem Klangbild, das in keiner CD-Sammlung fehlen sollte.

Wiener Zeitung

 

Zerbrechlich wie das Leben

... Nicht weniger als vierunddreißig Schaffensjahre umfasst diese Anthologie – ein gewaltiges Klanggebirge für jeden Pianisten. Falkner, der Rihms Musik fast durchwegs schneller und pointierter angeht als Mauser, sparsamer im Pedal, aber doch farbenreich, erklimmt das Massiv griffsicher und mit offenen Sinnen für die Spannungsfelder zwischen Ausdruckswut und Versunkenheit.

Falkner dringt in jedes einzelne Stück ein, mit rückhaltlosem Einsatz körperlicher und geistiger Energie. Und obwohl ihm das Austasten feinster Ausdruckswerte mehr am Herzen liegt als die „krachende“ Brachialgewalt (wie Rihm sie etwa an einer Stelle seines „Siebten Klavierstücks“ vorschreibt), stimmen die inneren Proportionen dieser Darstellung.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

„Die Reihe der CDs von Wolfgang Rihms Klavierstücken von 1966-2000 ist die wichtigste Gesamt- Ausgabe, die alle Klavierwerke Rihms beinhaltet. Udo Falkner spielt mit solch außergewöhnlicher Anschlagsdifferenzierung, die die Vollkommenheit der Klangfarbe und der Artikulation hervorhebt. Rihms ungewöhnliche Kompositions-Strukturen werden von Falkner mit einer höchst perfekten, analysierenden Harmonie-Empfindung dargestellt. Das Gefühl der unerschöpflich ausgebreiteten Wellenlängen des Komponisten gibt er so weiter, dass alles unglaublich ergriffen wirkt.

Für sein überragendes Lebendigkeitsgefühl der Klangfarben erntet Falkner uneingeschränktes Lob, und diese Produktion wurde auch zu recht als die herausragende Aufnahme bezeichnet“.

Korea – cnlmusic.com

 

„Wolfgang Rihms Klavierwerke 1966-2000 stellen 35 Jahre Klavierschaffen des großen deutschen post-modernen Komponisten für das - wie er sagt - „Phantasieinstrument“ dar.

In seinem CD-Debut führt der deutsche Pianist Udo Falkner Rihms Klavierwerke wie mit einer Art „zwanghafter Hingabe“ aus, so dass der Klang wie neu erschaffen - wie wiedererschaffen wirkt. Mit seinem pointierten Anschlag, frischer, klarer Darstellung, makelloser Artikulation, präzisen Klangbalancen und der verblüffenden Fähigkeit einen musikalischen Gedanken über eine lange Zeitspanne aufrechtzuerhalten, ist Falkner für einen Komponisten ein idealer Interpret, einer, so scheint es, der vollkommen versenkt in die Vorstellungen des Komponisten ...

Jeder, der an deutscher Musik der Nachkriegszeit interessiert ist, sollte unbedingt diese 3 CDs kennen lernen. Telos Musics digitaler Klang ist sehr klar und präsent und bewundernswert lebendig und farbig.

US-Magazin allmusic.com

Georg Kröll    Tagebuch für Klavier    2-CD-Box

Wer Gedichte mag, auch wenn sie den Reim verschmähen, wer Sinn hat für Distichen, lyrische Kürzel, Versfragmente – der wird sich im „Tagebuch für Klavier“ von Georg Kröll auf Anhieb zuhause fühlen. Der Komponist hängt entschieden der Idee der offenen Form an. Was nicht heißt, daß er dem Zufall Tür und Tor öffnet. Oder dem Interpreten die Verantwortung für die Werkgestalt abtritt ...

Elias Canettis Tagebuchaufzeichnungen „Das Geheimherz der Uhr“ inspirierte Kröll, „Materialblöcke“ aus einem strukturellen Gesamtzusammenhang zu lösen und dem Einzelstück besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Dem 1987 erschienenen Buch entsprang „der Impuls für eine Komposition, die im Detail minutiös ausgearbeitet ist, als Gesamtwerk (aber) fragmentarisch bleibt“.

Was lyrikvertraute Ohren mitnichten stört. Noch Kunstfreunde befremdet, die etwas anzufangen wissen mit Informel und lyrischer Abstraktion, rhythmisch schwingenden Farbfeldern und Liniengeflechten. Wer den Prozess-Charakter in Ueckers Nagelbildern spürt oder in verwitterten Mauern und Asphaltkrusten Dubuffets Metaphern menschlicher Existenz gewahrt, dem erschließen sich auch die versprengten, wie aus dem Unterbewusstsein aufsteigenden „Tagebuch“-Eintragungen Krölls, deren Urbilder wohl in Schönbergs Klavierstücken op.19 zu suchen sind. Ihre Grundtöne entlehnte er allerdings der Zwälftonreihe und ihren Permutationen aus dessen „Suite für Klavier“ op.25.

Ein weites Feld sind die Titel der teils nur sekundenlangen Miniaturen. Öfter begnügen sie sich mit Tempoangaben wie „Viertel = 92 oder „Tempo di valse“. Oder sie firmierten sich schlicht „ohne Titel“ (wie manches Bildwerk der Moderne). Mit György Kurtág, dessen Klavier-Spiele „Játékok“ gleichfalls eine offene Werkreihe bilden, teilt Kröll die Vorliebe für tönende Nachrufe oder Geburtstagsgrüße, Botschaften ad nominem (so an Frank Martin, Bernd Alois Zimmermann, Olivier Messiaen, Helmut Lachenmann, Hans Zender, Klaus Huber). Unter den „angespielten“ Größen der Musikgeschichte finden sich Guillaume Dufay, Girolamo Frescobaldi und Mozart ...

Mal fesselt die vertrackte Mechanik eines Stücks, die an Ligetis Etüden denken lässt, mal ein uhrwerkartiges Perpetuum mobile. Mal glaubt sich der Hörer an verrufener Stelle, mal meint er im Nebel zu wandern ...

In Udo Falkner fand Kröll einen Treuhänder im wahrsten Sinne des Wortes. Die 250 manuell teils äußerst komplizierten „Tagebuch“-Seiten gehen ihm mit erstaunlicher Leichtigkeit von der Hand.

Neue Zeitschrift für Musik

 

Teile und doch ein Ganzes

Gleich das erste Stück dieser Doppel-CD besticht durch seinen mehrfachen Dialog zwischen höchstem und tiefstem Register sowie zwischen normal angeschlagen Klaviertasten und gezupften Klängen im Innenklavier ...

Dank der ebenso einfühlsamen wie zupackenden Interpretation und kongenialen Ersteinspielung durch den Düsseldorfer Pianisten Udo Falkner entfaltet die gestische Prägnanz und auf den Punkt gebrachte pianistische Virtuosität von Krölls Klavierstücken ihre unmittelbare Wirkung.

Falkner bringt die musikalische Substanz dieser hundertvierundzwanzig Miniaturen – inzwischen sind etliche weitere hinzugekommen -zum Leuchten, etwa die springende Melodie der swingenden Nummer 55 „Viertel = 116“, die aus der Höhe in den Bass wandert, um sich schließlich in wie dumpfe Trommelschlägel tönende Cluster aufzulösen.

Lässt sich die Lyrik dieser Bagatellen – die seit Beethovens späten „Bagatellen“ Verdichtungen statt Nichtigkeiten meinen – von jedem Hörer intuitiv erfassen, richtet sich ihr musikhistorischer Beziehungszauber dagegen mehr an Kenner und im Repertoir gut bewanderter Liebhaber. Viele Stücke spielen auf Musik anderer Komponisten aus Geschichte und Gegenwart an.

Nummer 11 etwa huldigt der modalen Harmonik des französischen Katholiken Olivier Messiaen, indem der Pianist zwischen entsprechen Akkorden die Messverse „gloria in excelsis deo et in terra pax hominibus“ flüstert. In der „Hommage à L.v.B.“ greift Kröll das erste Thema von Beethovens „Großer Fuge“ auf und in „Vorwärts“ überlagert er Brecht/Eislers berühmtes „Solidaritätslied“ mit dissonanten Clustern. Ferner zitiert beziehungsweise erinnert werden Krölls einstige Kompositionslehrer an der Kölner Musikhochschule Frank Martin und Bernd Alois Zimmermann sowie weitere Komponisten von Dufay aus dem vierzehnten Jahrhundert über Frescobaldi und Mozart bis zu den geschätzten Zeitgenossen Feldman, Lachenmann, Zender, Terzakis, Klaus Huber, und Rolf Riehm.

Neben Hommagen an Freunde, Rundfunkredakteure (Wilfried Brennecke) und Musikwissenschaftler (Peter Becker) sind auch zwei Widmungen an György Kurtág hervorzuheben. Mit dessen anspielungsreich sprechender Musik ist Krölls Schaffen tatsächlich ebenso seelenverwandt wie mit den frühen Fragmentwerken „Papillons“ oder „Carnaval“ von Robert Schumann. Sind diese romantischen Porträt- und Charakterstücke durch kurze Tonkonstellationen zu regelrechten Zyklen verknüpft, so basieren auch alle Stücke von Krölls „Tagebuch“ auf einer der insgesamt fünfhundertfünf möglichen Ableitungen der Zwölftonreihe der „Suite“ für Klavier opus 25 von Arnold Schönberg, dem denn auch mit einer „Parodia ad A. Sch.“ gehuldigt wird ...

Falkners Auswahl von hundertvierundzwanzig Stücken aus Krölls bis zum Jahr der Einspielung 2012 „Tagebuch“-Eintragungen wirkt so schlüssig, dass viele Nummern ohne jeglichen Bruch attacca ineinander übergehen, obwohl sie in sich abgeschlossen sind: Teile und doch ein Ganzes – hier wird’s Ereignis!

MusikTexte

 

Von tausend Punkten weiterdenken, nicht von einem

„Das Einzige, was man empfehlen kann: offen sein“ - mit diesen Worten erzeugt der Komponist Georg Kröll in seinem 'Tagebuch für Klavier' Spannung „auf das, was folgt“ ...

Damit die offene Form nicht in Beliebigkeit und ein beziehungsloses Nebeneinander von Klangereignissen abgleitet, hat Kröll mit den Worten des Interpreten „klare, feinstgeschliffene, immens facettenreiche , pianistisch höchst raffiniert“ angelegte Miniaturen geschaffen. Die Spielfreude, wie auch die Liebe zum präzise ausgefeilten Detail ist beim Hören von Falkners Interpretation allgegenwärtig. Der Spannungsbogen über die teilweise nur wenige Sekunden, aber auch schon mal mehrere Minuten langen Stücke geht niemals verloren ...

Eine Einspielung, die klanglich bis zur letzten Sekunde fesselt und auch bei selektivem Hören fasziniert, wobei ein Zurückscrollen im Interesse des Blicks nach vorne nicht erfolgen sollte ...

Neue Musikzeitung

 

Udo Falkner widmet sich dem Klavier-„Tagebuch“ von Georg Kröll

... Jetzt hat Falkner das „Tagebuch“ von Georg Kröll aufgenommen, des 1934 in Linz am Rhein geborenen Komponisten, der Schüler von Frank Martin und Bernd Alois Zimmermann ist und seit langem die Museumsinsel Hombroich berät. Sein „Tagebuch“, dass Kröll immer noch beständig fortschreibt, besteht bis jetzt aus mehr als hundert Miniaturen, die sorgfältig aus dem Material einer Arnold-Schönberg-Reihe kompiliert und gestreckt wurden. Die zum Teil nur wenige Sekunden langen Werke, die an die Winzlinge Weberns erinnern, sind erhellend geistreich und tiefsinnig - und auf ebensolchem Niveau spielt Falkner. Nur wirklich kompetenten Pianisten gelingt es ja, derlei spekulative Materie zu luzidem Leben zu befreien ...

Rheinische Post

Karlheinz Stockhausen    Natürliche Dauern 1–24    2-CD-Box

... Udo Falkner widmet sich nun dem Zyklus „Natürliche Dauern - 3. Stunde aus Klang“, für den man mit Blick auf die Spieldauer von mehr als anderthalb Stunden schon einige Geduld aufbringen muß. Wir erinnern uns an Stockhausens gern gewählte Anweisungen „Spiele einen Ton, spiele ihn so lange, bis Du spürst, dass Du aufhören solltest“ aus dem Werk „Aus den sieben Tagen“ vom Ende der sechziger Jahre. Die Klangphilosophie, die daraus spricht, ist auch für die „Natürlichen Dauern“ von Bedeutung, obwohl diese durchkomponiert sind und weit weniger dem Zufall überlassen als manch andere Stockhausen-Werke. Ruhiges Durchatmen und Mut, den Klang sich entfalten zu lassen, prägen die ersten Titel I-IX des Zyklus, Bewegung kommt in dem von Falkner lebendig präsentierten zehnten Teil, wo der Pianist indische Schellen an den Fingern der rechten Hand zum Einsatz bringt und mit begleitendem Geräusch eine zusätzliche Klangebene eröffnet. Falkners sehr differenzierte Dynamik und sein teilweise spontan wirkender Umgang mit Temposteigerungen oder plötzliche Zäsuren geben den oft sehr langen Stücken eine innere Struktur, die natürlich sehr persönlicher Art ist, vom Komponisten aber zweifellos so gewollt war.

Piano News